2026-03-29

Sie und ich

Es gibt Zeiten, wo das „Ich“ nur noch funktioniert, weil es irgendwie muss, und ansonsten völlig in den Hintergrund rückt, weil das „Sie“ (3. Person Plural) sich an die Spitze aller Aktivitäten setzt, viele Stunden der ohnehin begrenzten Freizeit fordert und sich in Form von Sorgen, Trauer, Hoffnungslosigkeit, Wut, Ungeduld oder Ungläubigkeit mitten ins Herz und in die Seele platziert.

Nach einem langen und wirklich erholsamen Weihnachtsurlaub begann das Jahr leider gar nicht hoffnungsfroh: Meine Eltern fingen sich Mitte Januar (ich hatte eben wieder begonnen zu arbeiten) einen Grippe-Virus ein. Zunächst kam meine Mutter ins Krankenhaus, kurze Zeit später folgte mein Vater. Beide mussten isoliert liegen, wegen der Ansteckungsgefahr. Meine Mutter verkraftet Krankenhausaufenthalte sehr schlecht. Sie verliert völlig die Orientierung. So war es auch dieses Mal. Mein Vater, ohnehin am Rande seiner körperlichen Kräfte, befand sich in einem äußerst kritischen Zustand, als er ins Krankenhaus kam. Für Lungenkranke kann ein viraler Infekt lebensbedrohlich sein.

Es war kaum eine Diskussion nötig, um zu beschließen, dass beide Eltern nach dem Krankenhausaufenthalt direkt in die Kurzzeitpflege sollten. Das Entlassmanagement des Krankenhauses hat hier für beide einen Platz organisiert – doch leider war es nicht möglich, beide Eltern in einem Pflegeheim unterzubringen. So nützlich und hilfreich ein Entlassmangement ist: Für die Angehörigen – in diesem Fall meine Schwester und mich – bleibt trotzdem ein immenser Berg an Arbeit übrig, um für beide Eltern gleichzeitig eine Pflegesituation zu organisieren. Erst recht, wenn beide Eltern privat versichert sind.

Die 24-Stunden-Betreuerin, die bis zum Krankenhausaufenthalt meiner Eltern mit im Haushalt gelebt hatte, wurde nach Hause geschickt. Die mobile Pflege, die Post, der Getränkelieferservice abbestellt. Termine im Heim ausgemacht, Verträge unterschrieben, Unterlagen kopiert und eingereicht, Fragebögen ausgefüllt, Bankauskünfte eingeholt, Telefonate geführt, hunderte Sprachnachrichten ausgetauscht.

Dazwischen Transporte, Besuche, Gespräche mit den Pflegekräften und Verwaltungen in den Heimen, Termine mit den Pflegegutachtern zur Neubeurteilung der Pflegegrade meiner Eltern, Wäsche, die gewaschen werden musste, Hilfsmittel wie Rollstuhl und Rollator, die beschafft werden mussten, und, und, und…

Es waren extrem fordernde Monate. Ein bisschen Ruhe kehrt nun langsam ein. Mein Vater hat sich erstaunlich gut erholt in vier Wochen Kurzzeitpflege. Er konnte nach Hause, in sein gewohntes Umfeld. Er ist gut versorgt und sein Zustand wird hoffentlich noch lange so stabil bleiben. Meine Mutter ist aber dauerhaft im Heim. Den vermutlich bisher größten Einschnitt in ihre Lebensumstände musste sie ausgerechnet jetzt, wo sie alt, dement und schwach ist, hinnehmen. Meinen Vater sieht sie momentan nur über Video-Telefonate. Sie kann – außer mit einem Krankentransport – nirgendwo mehr hin und für meinen Vater, der permanent auf externe Sauerstoffzufuhr angewiesen ist, ist der Weg zum Heim meiner Mutter viel zu weit: Sein mobiles Sauerstoffgerät würde über die gesamte Distanz und Zeitdauer vermutlich den Geist aufgeben.

Nur eine von vielen Herausforderungen, die bleiben. Mein „Ich“ hatte weniger Probleme damit, die Dialyse zu verkraften als mit der Pflegesituation meiner Eltern. Mein „Ich“ mobilisiert seit Monaten sämtliche Reserven, um den eigenen Alltag um diese neue Situation herum neu zu strukturieren – auch wenn das bedeutet, dass ich sämtliche Kontakte bis aufs Mindeste heruntergefahren oder sogar ganz abgebrochen habe, wenn sie mir Energie abziehen, die ich dringend für andere Aufgaben und Menschen benötige.

Es gab einige Tropfen, die das – emotionale – Fass zum Überlaufen gebracht haben. Es gab viele Tränen. Momente, wo ich tatsächlich dachte, jetzt geht dann nichts mehr. Was mir geholfen hat, waren mein Sohn, meine Katze, zum Teil auch die Arbeit – und Bad Bunny (für alle, die ihn nicht kennen: Latino-Sänger aus Puerto Rico). Struktur gepaart mit kleinen emotionalen Highlights zahlt sich immer aus.

In die Zukunft kann weder „ich“, noch „Sie“ sehen. Wir haben einen Zustand erarbeitet, der momentan trägt – „Sie“ und „mich“. Das Gerüst ist wackelig, aber es steht zumindest.

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